Schlagwort-Archiv: Schweizer Kohlekraft im Balkan

Kohlekraftwerk-Kauf der Genfer «Edelweiss» in Slowenien geplatzt

Kraftwerk in Trbovlje wird nicht erneuert, sondern stillgelegt

Die Genfer Edelweiss Investment SA wollte in Slowenien ein altes Braunkohlekraftwerk erwerben und erneuern. Die Transaktion ist gescheitert. Das Kraftwerk, es verfügt über den höchsten Kamin in der EU, wird nun stillgelegt. Direktorin der Edelweiss-Aktiengesellschaften ist Christine Moulin Borcard, sie ist auch Vizepräsidentin der Raiffeisenbank West in Genf. Gemäss übereinstimmenden Medienberichten besitzt der russische Milliardär Oleg Burlakov die Edelweiss.

Eigentlich hätte das Schicksal des Kraftwerks in der Nähe von Trbovlje in Slowenien schon vor zwei Jahren besiegelt werden sollen. Es besteht aus einem Braunkohleblock mit rund 130 Megawatt Kapazität und zwei mit Öl befeuerten kleineren Einheiten, die nur noch als Kaltreserve dienten. Die Anlagen sollten stillgelegt oder verkauft werden. Geschäftsleute um den in Kanada lebenden russischen Milliardär Oleg Burlakov boten 11 Millionen Euro für die alten Anlagen und stellten in Aussicht, weitere 60 Millionen in die Erneuerung des Kohleblocks zu investieren. Der Weiterbetrieb des Kraftwerks hätte für die Besitzerin, die staatliche Holding Slovenske elektrarne (HSE) ein unangenehmes Problem wenigstens teilweise gelöst: die Entlassung der Belegschaft von annähernd 200 Personen. Burlakovs im Herbst 2012 bekannt gewordenes Angebot, die Kraftwerksgesellschaft TET (Termoelektrarna Trbovlje), zu übernehmen, war darum für die HSE recht verlockend gewesen.

Im Herbst 2013 wurde bekannt, dass die Regierung Sloweniens eine Bankgarantie zur Bedingung für eine Transaktion machte. Die UBS sollte die Garantie ausstellen — wodurch sich, Bankgeheimnis zum Trotz, ahnen lässt, wo mindestens ein Teil von Burlakovs Vermögen liegt. Obschon der Handel im Prinzip vereinbart war, wurden sich die Handelspartner nun doch nicht einig. Am 17. November 2014 erklärte die HSE, die über 80 Prozent der TET besitzt, das Kraftwerk werde stillgelegt.

Alter und mangelnde Rentabilität sprachen für die Stilllegung des Kraftwerks. Ausserdem ist die Trbovlje-Hrastnik Mine, aus der das Kraftwerk seinen Brennstoff bezog, erschöpft. Burlakov soll eine Konzession für die Ljesljani Braunkohlemine in Bosnien erworben haben — allerdings gibt es widersprüchliche Informationen über den Wert beziehungsweise die Gültigkeit von Mine und Konzession. Schwierigkeiten mit der Brennstoffbeschaffung aus Ljesljani oder einer anderen Mine könnten Burlakov bewogen haben, auf den Erwerb des TET-Kraftwerks zu verzichten. Noch ungelöste Schadensersatzklagen gegen TET wegen Umweltverschmutzung sollen ihren Teil zum Entscheid beigetragen haben. Gemäss Beobachtern vor Ort dürften die intransparenten Besitzverhältnisse der «Edelweiss» ein weiteres Hemmnis für den Geschäftsabschluss dargestellt haben.

Wäre der Deal nicht schliesslich geplatzt, hätte die Genfer Edelweiss Investment SA das TET-Kraftwerk übernommen. Geschäftsführerin der Edelweiss Investment ist seit Oktober 2012, also seit etwa dem Zeitpunkt als Burlakovs Interesse am alten Kraftwerk in Slowenien bekannt wurde, Christine Moulin Borcard. („Borcard“ ist der Familiennahme ihres Gatten Yves Borcard.) Sie steht sechs Firmen vor, die mit «Edelweiss» beginnen und je über ein Aktienkapital von 100’000 Franken verfügen. Über die Edelweiss-Firmengruppe hinaus leitet Christine Moulin Borcard fünf weitere Aktiengesellschaften mit vergleichbarer Struktur. Bei all diesen Gesellschaften sind entweder Patrick oder Monika Eraers einzige Verwaltungsräte und Christine Moulin ist alleinige Geschäftsleiterin. Ausserdem ist Moulin Borcard seit 2010 Verwaltungsrätin und seit August dieses Jahres Vizepräsidentin einer Genfer Branche der Bank Raiffeisen (Banque Raiffeisen Genève Ouest). Einziger Verwaltungsrat der diversen Edelweiss-Firmen ist seit ihrer Gründung im November 2010 Patrick Eraers. Gemäss databot.ch lebt er in Dubai und ist Verwaltungsrat in über 29 Firmen. Patrick Eraers ist Mitgründer und Vorstand eines Vereins für die Gründung und Entwicklung eines Genfer Kultur-Instituts in St. Petersburg („Association pour la création et le développement d’un institut genèvois de la culture à Saint-Pétersbourg“), die Stadt aus der Oleg Burlakov stammt — gemäss einem Pressebericht in Slowenisch.

Oleg Burlakov, der bei Edelweiss gemäss Handelsregister keine offizielle Funktion bekleidet, aber als Besitzer des Investitionsvehikels gilt, wurde in der Jelzin Ära im Zementgeschäft reich. Der Verkauf des Konzerns Novoroscement, dessen Mehrheitseigner Burlakov war, soll im Jahr 2007 fast eine Milliarde US Dollar eingespielt haben. Später war Burlakov Besitzer des Mineralölkonzerns Burneftegaz gewesen. Der Verkauf von Burneftegaz im März 2014 soll ebenfalls rund eine Milliarde eingespielt haben.

Warum Bulakov am alten Kraftwerk interessiert war, während die HSE es nicht weiter betreiben wollte, bleibt unklar. In Slowenien wird spekuliert, dass Burlakov nach dem Vorbild anderer russischer Oligarchen handelt, die ihre Geschäfte nach Europa ausdehnen und es wird in diesem Zusammenhang von Steueroptimierung berichtet.

Seit 1975 ist der 48-jährige Kohleblock des TET-Kraftwerks mit dem höchsten Kamin EU-Europas ausgestattet. Es sollte mit seiner Höhe von 360 Meter vermeiden, dass sich die schädlichen Abgase im engen Tal der Sava stauen.

(Die Emissionsproblematik dieses Blocks wird allerdings erst jetzt dank seiner Stilllegung gelöst. Stickoxide und Feinstaub aus Europas Kohlekraftwerken töten auch Menschen zum Beispiel in Kairo. Kohlekraftwerke in China tragen wesentlich zur Luftschadstoffkonzentration in Kalifornien bei.)

Der Klimakiller CO2, verteilt sich sogar weltweit. Im Gegensatz zu den anderen Luftschadstoffen akkumuliert es.

Kaum nehmen die traditionellen Energiekonzerne der Schweiz — BKW, AET (Tessin), RES (Solothurn) und Repower (Graubünden) — Abstand von Investitionen in Kohlekraftwerke, treten andere, in der Schweiz weniger bekannte Firmen auf den Plan. Es sind Unternehmen mit Migrationshintergrund — sozusagen. Sie verfügen über viel Geld aus zweifelhaften Geschäften und wollen im Balkan investieren. Im Fall Burlakov/Edelweiss und TET ging der Plan, mittels Kohleverstromung Kasse zu machen, nicht auf.

Die Edelweiss ist nicht das einzige Unternehmen mit Sitz in der Schweiz, das sich mit einem Kohlekraftwerk in Slowenien schwer tut. Wegen eines neuen 600 Megawatt Braunkohleblocks in Sostanj ist der Hauptlieferant Alstom, dessen Kraftwerkssparte im aargauischen Baden zu Hause ist, mit dem Vorwurf konfrontiert, sich illegale Gewinne verschafft zu haben. Der Neubau in Sostanj kostet doppelt so viel wie in Aussicht gestellt worden war. Gemäss Presseberichten in Slowenien soll sich Alstom 284 Millionen Euro „illegale Gewinne“ verschafft haben. Mehr zum potenziellen Mega-Korruptionsfall der Alstom in Slowenien gibt es in diesem Beitrag.

Bild und Video

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Termoelektrarna_Trbovlje_in_Sava_IMG_2581.jpg (http://bit.ly/tet-jpg)

https://www.youtube.com/watch?v=x1SgmFa0r04 (NASA Computer Model Provides a New Portrait of Carbon Dioxide, http://bit.ly/nasa-co2-video)

Links im Text

http://databot.ch/Patrick-Georges-Eraers-Belgien-Lully-VS-Lully-VD-P862341.html (http://bit.ly/patrick-eraers)

http://news.uci.edu/press-releases/made-in-china-for-us-air-pollution-as-well-as-exports/ (http://bit.ly/pacificpollution)

http://www.greenpeace.org/international/Global/international/publications/climate/2013/Silent-Killers.pdf (Karten auf Seite 33 und 52, http://bit.ly/silent-killers)

Im Internet direkt zugängliche Quellen

http://www.sloveniatimes.com/trbovlje-power-pant-sent-into-liquidation (17.11.2014)

http://www.investslovenia.org/info/news-media/latest/n/report-russian-magnate-makes-offer-for-tet-powerplant-2969/ (27.11.2012)

http://www.dnevnik.si/poslovni/novice/ruski-kupec-obljublja-sluzbe-in-milijone (18.7.2013, Slowenisch)

http://www.dnevnik.si/posel/novice/uradni-lastnik-tet-bo-podjetje-z-enim-zaposlenim (29.7.2013, Slowenisch)

http://www.cemnet.com/News/story/139064/russia-s-novoroscement-plants-sold.html („The sale has been reported at close to US$950m with much of the proceeds going to majority owner Oleg Burlakov, now a long-term resident of Canada, who was earlier linked as owner to the 2.5Mta Belgorad complex – but now within the Eurocement orbit.“)

http://www.hydrocarbons-technology.com/news/newsbashneft-acquires-oil-producer-burneftegaz-for-1bn-4205618 („In March 2014, Bashneft acquired a 100% stake in Russian oil firm Burneftegaz in a deal totalling more than $1 billion.“)

Weitere Quelle

Energo, 21. August 2013; «Burlakov could buy Slovenia’s Trbovlje TPP»

Kurzlink für diesen Artikel

http://bit.ly/tet-edelweiss/

Updates

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retropower.ch ist online ab 14. Juni 2015, 12 Uhr
retropower.ch ist online ab 14. Juni 2015, 12 Uhr

Alstom in Slowenien der illegalen Bereicherung beschuldigt

Wegen eines neuen 600 Megawatt Braunkohlekraftwerks in Šoštanj ist der Hauptlieferant Alstom, dessen Kraftwerkssparte in Baden zu Hause ist, mit dem Vorwurf konfrontiert, sich „illegale Gewinne“ von 284 Millionen Euro verschafft zu haben. Während Alstom den Neubau in Slowenien probehalber in Betrieb nimmt, spitzen sich die Vorwürfe wegen einer Untersuchung zu, an der auch Schweizer Behörden beteiligt waren. Kürzlich wurde gegen 10 Personen Anklage erhoben. Alstom ist wegen Korruption in verschiedenen Ländern auf allen Kontinenten mit Vorwürfen, Untersuchungen, Verurteilungen oder Ausschlüssen belastet. Der Fall in Sostanj könnte alle der vielen Korruptionsprobleme des Konzerns in den Schatten stellen, einschliesslich die gerade erst bekannt gewordene Vergleichszahlung von 700 Millionen US-Dollar in den USA.

Im Braunkohlekraftwerkkomplex Sostanj wird gerade ein neuer Block mit 600 Megawatt Kapazität in Betrieb genommen. Der Bau kostet 1,44 Milliarden Euro, weltrekordverdächtige 2,4 Milliarden Euro pro Gigawatt, doppelt so viel wie prognostiziert worden war. Der Neubau „Block 6“ in Sostanj ist deutlich teuerer als das teuerste der in Westeuropa kürzlich gebauten Kohlekraftwerke.


 

Diagramm-Baukosten-mit-Sostanj

Eruierbare spezifische Baukosten der neuen Kohlekraftwerke in Westeuropa und Block 6 in Sostanj, ganz rechts. Links Stein-, rechts Braunkohle. Daten.


 

Die Medien in Slowenien berichteten (auch hier), Alstom könnte durch Zahlungen an ihre Vertretung in Kroatien, die Sol Intercontinental, den Zuschlag für den Milliardenauftrag erwirkt haben. Oder Alstom könnte sich auf diesem Weg die Möglichkeit verschafft haben, überhöhte Beträge in Rechnung zu stellen. Die Sol Intercontinental und das Beratungsunternehmen CEE, das mit der Ausschreibung und der Angebotsprüfung für Block 6 betraut war, sind im Besitz von Peter Kotar.

Kotar, so wird berichtet, wurden von Alstom vermutlich 3 Millionen Euro in der Form von Beratungsverträgen für das Arrangieren des Geschäfts versprochen, während er von der Kraftwerksgesellschaft für die Vorbereitung der Ausschreibung, die Offertprüfung und ähnliche Aufgaben bezahlt wurde. „Die Polizei vermutet, dass eine Gesellschaft, mit der die Verdächtigten verbunden sind, 3 Millionen Euro für einen fiktiven Beratungsvertrag erhielt“, berichtete der Slowenische Rundfunk. Ein ausführlicher Bericht der slowenischen DNEVNIK nennt die Machenschaften um Sostanj die „Mutter aller Skandale“ und zeigt die Verbindungen auf.

Alstom hatte schon zuvor einen Auftrag für die Erneuerung von Block 5 in Sostanj erhalten. Die Untersuchung gegen die 10 nun Angeklagten wurde deshalb gestartet. Über einen fiktiven Beratungsvertrag, sollen die im Fall um Block 5 Fehlbaren 356’000 Euro erhalten haben, bei einem Auftragsvolumen von 2,4 Millionen Euro. Während die Polizei von einem „ausländischen Lieferanten“ sprach, nannte die Presse in Slowenien „Alstom“.


 

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In Sostanj stinken nicht nur Dampf und Rauch in den Himmel. Kolossal überhöhte Kosten führten zu Untersuchungen und Anklagen wegen Korruption. Foto: Kale.


 

Den Angeklagten wird angelastet, im viel erheblicheren Geschäft um Block 6, dem „ausländischen Lieferanten“ durch illegitime Vereinbarungen „illegale Gewinne“ im Ausmass von 284 Millionen Euro verschafft zu haben. Das ursprüngliche Auftragsvolumen betrug in diesem Fall 650 Millionen Euro. Die Kosten stiegen auf über 1 Milliarde Euro.

Alstom baute den neuen Block 6 in Sostanj als Hauptlieferant. Schon im Zusammenhang mit anderen Projekten war Alstoms Kraftwerkssektor mit Sitz in Baden und speziell die Alstom Network Schweiz AG der Korruption überführt worden. Die Erklärung von Bern titulierte das französisch-schweizerische Industrieunternehmen im Zusammenhang mit der Nominierung von Alstom für den Schmähpreis «Public Eye» 2013 darum als „Die Bestechungs-Profis“. Der Präsident des Verwaltungsrats von Alstom Schweiz ist seit Mai 2012 alt Bundesrat Joseph Deiss.

Die Schweizer Behörden sind mit den Missetaten der Alstom zwar bestens vertraut, wenn es aber überhaupt zu Verurteilungen kommt, dann werden die Vergehen wie Kavaliersdelikte behandelt. Unbeliebt, weil auch für Alstom unangenehm ist allenfalls, wenn ein Alstom-„Berater“ einen Teil des Bestechungsgelds für sich selbst zurückfordert. Eine kleine Busse und eine bedingte Geldstrafe war die Folge, wie der Tages-Anzeiger anfangs Jahr ans Licht brachte.

Die Schweiz fördert nicht nur den Bau von dreckigen Kraftwerken. Sie begünstigt auch, dass diese mittels dreckiger Methoden gebaut werden.

Erst gestern berichtete das Onlineportal der Daily Mail mit Bezug auf informierte Kreise, Alstom sei bereit, in einem Vergleichsverfahren in den USA 700 Millionen US-Dollar Strafe zu entrichten. Die Strafzahlung durch den US-Kraftwerksbereich des Konzerns wird wegen Bestechung in verschiedenen Fällen erhoben. Primär wird die Lieferung von Ausrüstung für das Kraftwerk Tarahan in Indonesien genannt. Der Vergleich soll nächste Woche offiziell bekannt gegeben werden. Drei Alstom Manager, haben sich im Zusammenhang mit Tarahan schuldig bekannt. Alstom hatte mit der schon verurteilten japanischen Marubeni bei illegalen Machenschaften paktiert. Ausgerechnet diese beiden Gesellschaften wurden kürzlich als bevorzugte Lieferanten für das in Kroatien geplante Kohlekraftwerk Plomin C gewählt.

Alstom steht vor der Übernahme durch General Electric. Der angekündigte 700 Millionen Vergleich dürfte vor diesem Hintergrund stattfinden. Das potenzielle Strafmass im Fall Sostanj ist allerdings sehr viel höher als in den vielen früheren, bereits aufgerollten Fällen von Korruption durch den Industriekonzern. Wenn verurteilt und korrekt bestraft, könnte ein Vergehen in Sostanj die Existenz des Konzerns Alstom in Frage stellen — wenn es Alstom dann noch gibt.

Um den Franzosen entgegen zu kommen, hatte GE angeboten, die Direktion von Alstom Power von Baden nach Frankreich zu verlegen. Die Fabrikation von Kraftwerkskomponenten dürfte jedoch noch länger in Baden verbleiben. In welchem Mass eine allfällige Strafe von auch für Alstom beispiellosem Ausmass wegen Bestechung in Sostanj dereinst die Schweiz betreffen werden oder Frankreich — oder die USA — bleibt damit ungewiss.

Statt der 2011 von der Slowenischen Regierung „in Anbetracht der hohen Risiken“ für Block 6 geforderten Rendite von 9% wird das Kraftwerk jährlich einen Verlust von 70 bis 80 Millionen Euro einfahren. Wegen dieser Perspektive muss erwartet werden, dass die vom Staat gesprochene Garantie eingefordert wird und die Steuerzahler Sloweniens für den Schaden aufkommen müssen.

Im Januar dieses Jahres (2014) spielte Sloweniens Ministerpräsidentin an, es könnte sogar gesamthaft billiger sein, den unterdessen fast fertig gebauten Block 6 gar nicht in Betrieb zu nehmen. Sie sagte: „Wir haben nicht das Privileg zu entscheiden, ob dieses Projekt noch aufgehalten werden kann. Die Zahlen, über die wir verfügen, zeigen, dass Aufhalten teurer käme als Fertigstellung.“

Sostanj-Fail

Der Kraftwerkspark in Sostanj gehört der staatlichen slowenischen Elektrizitätsgesellschaft HSE. Das EU-Mitglied Slowenien produziert nur 5,6% seiner Primärenergie aus Wasserkraft, soll jedoch den Anteil der Erneuerbaren bis 2020 auf 25% steigern. Ein neues Braunkohlekraftwerk passt nicht zu dieser Absicht.

„Während westeuropäische Länder zwar anfangen, in ihren eigenen Hinterhof aufzuräumen, versuchen ihre Privat- und Entwicklungsbanken, aus dem Bau von neuen Kohlekraftwerken, die uns Slowenen während Jahrzehnten ersticken, Profit zu schlagen. Das ist zutiefst falsch.“
(Lidija Zivcic von der slowenischen Umweltorganisation FOCUS)

Zufall oder nicht: Die Schweiz unterstützte die Kreditvergabe der Europäischen Entwicklungsbank EBRD für den Bau des neuen Blocks in Sostanj. Die EBRD («European Bank for Reconstruction and Development») hatte 2010 einen 100 Millionen Euro Kredit für dieses Geschäft beschlossen und weitere 100 Millionen über private Banken beschafft. Zusammen mit weiteren 550 Millionen von der Europäischen Investment Bank (EIB, die Schweiz ist nicht Mitglied), waren der Beitrag der EBRD entscheidend für den Bau des neuen Blocks. Die Schweiz steht in der EBRD einer Gruppe von Mitgliedsländern vor und stellt einen Direktor. Die Bank war bis vor kurzer Zeit eine notorische Unterstützerin von Kreditvergaben für Kohlekraftwerke oder Kohlebergbau, darunter auffällig oft für Projekte die von Korruption überschattet sind.

„Die EBRD riskiert ihren Ruf, weil sie wiederholt Projekte finanzierte, währenddem nationale Behörden Korruptionsvorwürfe untersuchten.“
(Pippa Gallop von der Nichtregierungsorganisation CEE Bankwatch Network.)

Am 2. Februar 2014, als der Skandal in Sostanj schon längst ruchbar war, erklärte das zuständige Staatssekretariat für Wirtschaft SECO unter Bundesrat Schneider Ammann auf Anfrage, der Kreditnehmer in Sostanj habe „sämtliche Anforderungen erfüllt“. Der zuständige SECO Beamte, Daniel Birchmeier, erklärte sogar, der neue Kraftwerksblock biete „den tiefsten Kohlenstoffausstoss unter den möglichen Alternativen“. Pro Kilowattstunde produzierten Strom verursacht Braunkohle jedoch am meisten CO2. Gemäss Umweltorganisationen vor Ort, wurden gar keine Alternativen zu Kohle als Energieträger erwogen. Block 6 in Sostanj wird Slowenien das Erreichen seines EU CO2-Reduktionsziels praktisch verunmöglichen. Es wirkt zynisch, wenn Daniel Birchmeier behauptet: „Die Modernisierung des Kraftwerks wird somit [weil es pro Kilowattstunde weniger CO2 produziert als die bestehenden Blocks] zum langfristigem EU-Reduktionsziel (CO2-Emissionen) beitragen.“


 

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Wortspiel bei einem Protest gegen die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Zweifelhafte Kredite für Kohlebergbau und Kohlekraftwerke legen den Verdacht nahe, der Zweck der Bank sei die Finanzierung von Fehlentwicklung und Zerstörung. Die Bank will nun nur noch in Ausnahmefällen klimaschädliche Kohlekraftwerke finanzieren, hat sich aber in Slowenien damit die Finger verbrannt. 


 

Bereits als der Bau des neuen Kraftwerkblocks in Sostanj aufgegleist wurde, hatte die EU beschlossen, die Emissionen bis 2050 um mindestens 80% (bis 95%) zu reduzieren. Block 6 allein wird dann praktisch die ganzen vorgesehenen CO2-Emissionen aller Sektoren Sloweniens beanspruchen und könnte entsprechend seiner technischen Lebensdauer noch lange danach in Betrieb sein. Die EU-Kommission hat gerade im vergangenen Monat (Oktober 2014) vorgeschlagen, die CO2-Emissionen schon bis 2030 um 40% zu reduzieren.

Block 6 soll ältere Blocks in Sostanj ersetzten. Die kleinen Blocks 1 und 2 stehen bereits still. Blocks 3 und 4 mit zusammen 350 Megawatt sollen ausser Betrieb genommen werden, wenn der Block 6 ans Netz geht. Block 5 mit 345 MW soll weiter in Betrieb bleiben, wenn Block 6 am Netz ist, nach Angaben der Betreiberin bis 2027. Block 6 stellt also eine Erhöhung der Produktionskapazität von rund 200 MW dar. Der Betrieb mit 6’500 Stunden pro Jahr ist bis 2054 geplant.

Die Schadstoffe Schwefeldioxid, Stickstoffoxide und Feinstaub von Block 6 werden allein jährlich zwischen 33 und 48 frühzeitige Todesfälle und zwischen 168 und 242 Millionen Euro an externen Kosten verursachen.

Die Alstom ist nicht das einzige Unternehmen, das sich mit einem Kohlekraftwerk in Slowenien schwer tut. Die Kleinfirma Edelweiss Investment in Genf, hinter welcher der russische Tycoon Oleg Burlakov steckt, wollte in Trbovlje einen alten Kohleblock erwerben und erneuern. Mehr dazu soll in einem eigenen Artikel auf klimaatelier.ch dargestellt werden (hier).

Dieser Beitrag ist der erste Teil einer geplanten Serie mit dem Titel «Dreckige Energie, dreckige Methoden».


Nachtrag

Am 23. Dezember, also eine Woche nach Erscheinen dieses Artikels berichtete Giorgio V. Müller in der NZZ unter dem Titel «Dunkle Vergangenheit holt Alstom ein; Korruptionssumpf in Baden» über einige der Korruptionsprobleme der Alstom und erwähnte die Anschuldigungen im Zusammenhang mit Sostanj. Am Tag davor hatte unter anderen die NZZ über den erwähnten Vergleich in den USA berichtet, der die Alstom die Rekordstrafe von 772 Millionen US-Dollar kostet.

Im Anschluss an den Vergleich in den USA stellte Trace ein Kompendium mit vielen der Anschuldigungen, Untersuchungen, Vergleichen und Verurteilungen zusammen, die Alstom belasten.


 Medienmitteilung zu verwandtem Thema

Korruption durch Marubeni und Alstom: Neue Studie wirft Zweifel an Kohlekraftwerkprojekt in Kroatien auf (Medienmitteilung, 2.10.2014, Bankwatch, Amis de la Terre, Klimaatelier)


 

Bilder

„FAIL“: bankwatch.org

„European Bank for Recarbonisation and Destruction“, Protest. Photo beschnitten. Bankwatch/Flickr, einige Urheberrechte sind vorenthalten.

Weitere Bilder: Kale. Zur freien Verwendung für Medienschaffende bei Nennung des Fotographen („Kale“). Dasselbe gilt für das Titelbild. In guter Auflösung und Originalausschnitt gibt es das Titelbild hier.


retropower.chWeitere Artikel über Kohlekraft und die Schweizer Energiewirtschaft erscheinen ab dem 14. Juni 2015 auf retropower.ch.